Neujahr in El Bolson
Schon seit einigen Tagen befinden wir uns in El Bolson, einer Kleinstadt in Patagonien, wo in den 60er Jahren Hippies migrierten und die Stadt seither geprägt ist vom gemeinschaftlichen Leben, Kunsthandwerk und einer gewissen Autarkie. Wenn wir mit dem Suri an irgendwelcher Strassenecke stehen dauert es nicht lange und wir werden angesprochen und gefragt, ob wir nicht ihren Honig, ihren selbstgemachten Zitronenkuchen oder ihre Halskette kaufen möchten. All Zuviel hat sich in den letzten Jahren nicht verändert.
Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr verbringen wir auf dem überaus grosszügigen Areal von Claudia und Klaus. Wir stehen schon seit längerem im Email Kontakt, hauptsächlich wegen der Haftpflichtversicherung, die wir über sie abgeschlossen haben.
Claudia und Klaus besitzen ein riesiges Grundstück von einer Million Quadratmetern, eigentlich ein ganzes Tal mit eigenem, glasklaren Fluss etwa 10 km nördlich von El Bolson.
In Deutschland sind sie wahrscheinlich eines der berühmtesten Abenteuer Paare. 1981 sind sie mit ihren Motorrädern losgefahren, 1997 kamen sie zurück – in ein völlig verändertes Deutschland. Dazwischen lag eine Reise um die ganze Welt. Klaus war damals 23, Claudia, die nie zuvor Motorrad gefahren ist, gerade mal 20. Zehn Monate sollte die Fahrt dauern, das hatte Klaus minutiös geplant. 16 Jahre später kehren sie nach Köln zurück – auf dem Rhein, mit ihrem von den Motorrädern angetriebenen Boot Juma, das sie im Amazonas gebaut haben. 257.000 Kilometer haben sie zurückgelegt, Asien, Australien, Neuseeland, Nord-, Mittel- und Südamerika und Afrika bereist – »Planet Earth Expedition«, so taufen sie selbst irgendwann ihre unglaubliche Tour. Das ehemalige, selbstgebaute Boot steht noch neben unserem Stellplatz auf ihrem Grundstück.
Zusammen mit ihnen und andern Reisenden, die sich nach und nach einfinden, verbringen wir ein paar schöne Tage und einen feucht-fröhlichen Silvesterabend am Lagerfeuer.
Der grosse Waldbrand der alles veränderte
Seit 16 Jahren haben sich Claudia und Klaus hier niedergelassen. Ihre 2 Kinder gingen in El Bolson zur Schule, sie betrieben einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb und es schien, als haben sie ihr „kleines“ Paradies gefunden. Doch da kam der Brand, der alles veränderte!
Vor 2 Jahren haben unvorsichtige Einheimische bei starkem Wind und staubtrockener Vegetation ein Grillfeuer gemacht und dessen Funkenschlag entzündete das ausgetrocknete Gras. In kurzer Zeit hat alles gebrannt und die starken Böen trieben das Feuer in ihr Tal. Zwei Wochen kämpften sie gegen das Feuer. Die Feuerwehr wollte sie evakuieren aber die Zwei wollten auf keinen Fall ihr Zuhause verlassen. Klaus meint: „Hätten wir wie unsere Nachbarn auf die Feuerwehr gehört, wäre unser gesamtes Hab und Gut, unsere Schafe, Hühner, ja unser Haus und die Ställe ein Raub der Flammen geworden. Zwei Wochen haben wir wie verrückt mit Wasserpumpen, Eimern und alles was sich für den Wassertransport eignete gegen die Feuerwalze gekämpft. Mehrmals dachten wir, jetzt ist Schluss, wir müssen ersticken, wir verlieren den Kampf gegen die Naturgewalten. Immer wieder entfachten sich scheinbar gelöschte Brandherde und der Kampf begann aufs Neue bis sich nach zwei Wochen endlich Entwarnung einstellte.“
Rund um den Fluss und um ihr Haus ist es grün, aber die Hänge um ihr Tal überziehen auch nach zwei Jahren verkohlte Baumstümpfe und eine stark in Mitleidenschaft gezogene Natur. Man merkt den Beiden die Enttäuschung über ihr aufgebautes Lebenswerk an, wenn sie wehmütig in die Ferne schauen. Wir fühlen mit ihnen, können verstehen, aber nur jene, die ein solches Inferno am eigenen Leib erfahren haben, können da wirklich mitreden.
Parque Nacional Los Alerces
Dieser fast unberührte Park ist ein Muss eines jeden Patagonien Reisenden. Unzählige glasklare Seen überziehen diese grüne, gebirgige Landschaft. Von unserem Stellplatz am See sehen wir beim Frühstück direkt am Strand die schneebedeckten Andengipfel, die die Grenze zu Chile bilden. Die Tage vergehen mit Wanderungen durch die „Alercen“, das sind patagonische Zypressen, lesen und natürlich fischen nach den heimischen Forellen. Unnötig zu sagen, was für ein Gericht meistens auf dem Grillfeuer brutzelt. Auf jeden Fall meint Ruth jetzt schon, und wir sind noch nicht lange in Patagonien: „Immer diese Fische, ich möchte mal was anderes zum Znacht!“
Heute mache ich ihr den Gefallen. Unser Campingplatz Betreiber hat ein ganzes Lamm bekommen und wir kaufen ihm ein 2 kg Schenkel ab. Somit gibt es heute gegrilltes „Cordero“. Auch nicht schlecht.
Der Feiertag der Bäckereien
Heute haben wir den 6. Januar. Es ist der Tag des 3 Königskuchens. Ruth freut sich schon lange darauf und so mache ich ihr den Gefallen und backe in unserem kleinen Suri Backofen zwei Kuchen mit je 7 Teilen. Man glaubt es kaum. Wir beide verschlingen die ganzen Kuchen ganz alleine. Dies ist unser Zmittag, Zviäri und Znacht.
Wir befinden uns an einer Oase der Ruhe, an der Laguna Zeta oberhalb von Esquel. Ein wunderbarer Fleck um auzuruhen, die Wildpferde zu beobachten und sich den Süssen Dingen zuzuwenden.
Wir haben kein langsames Fahrzeug, wir haben ein schnelles Haus
Das müssen wir uns immer und immer wieder sagen während wir gegen den Wind in Hurrikanstärke ankämpfen. Diese endlose Weite zwischen Caleta Olivia und Puerto San Julian vermittelt einem das Gefühl, als sei man vom Rest der Welt abgeschnitten. Mit über 600.000 Quadrat km ist die Patagonische Steppe die grösste Wüste Amerikas. Weil sich die im Südpazifik gebildeten Wolken an der Westseite der Anden, also in Chile, abregnen, kommt es hier auf der östlichen Seite kaum zu Niederschlag. Doch die vermeintliche Einöde ist nur auf den ersten Blick trostlos und lebensfeindlich. Schaut man genauer entlang der aufwirbelnden Grasbüschel, die wie Tennisbälle über die endlose Pampa fliegen, sieht man immer wieder Anzeichen von Leben. Gut getarnt, in ein graues Federkleid gehüllt, picken ganze Familienclans von Nandus Samen und stachelige Gräser aus dem verdorrten Erdreich, Guanakos spähen die Umgebung ab, ob auch wirklich kein Feind im Anmarsch ist und an der sich langsam nähernden Küste aalen sich die Seelöwen Kolonien. Grunzend steigen die schwerfälligen Patriarchen über ihr Harem hinweg, immer auf der Lauer, ob ja kein Rivale ihnen ihren Status als Heeresführer streitig macht.
Wir übernachten mitten „in the middle of nowhere“ und als die Lichter des Suri erlischen bleibt nur die Stille. Die Stille, die Sterne und die Freude über die Freiheit ungebunden durch die Welt ziehen zu können, ohne Pläne, ohne Verabredung, ohne Hotelbuchung.

Heute ist Pinguin day
Wir befinden uns im „Parque Nacional Monte Leon“. Die ehemalige Estancia mit ihrem dramatischen Küstenabschnitt und einmaliger Landschaft ist seit einiger Zeit ein National Park. Wir schreiben uns beim Ranger Office ein und buchen den heutigen Übernachtungsplatz auf dem kleinen Camping direkt an der Beachfront. Schon die Anfahrt ist überwältigend. Hunderte von Guanakos säumen die 20 km lange Sandpiste die quer durch den Park verläuft. Auf einer vorgelagerten Insel ruhen sich unter lautem Getöse Seelöwen aus und eine Insel daneben bevölkern tausende von Kormoranen das unter ständigen Brandungswellen malträtierte Archipel. Eine weitere Attraktion ist „La Olla“, eine riesige Brandungshöhle, die wir am späten Nachmittag bei Ebbe besuchen.
Am Abend werden die letzten Forellen aus dem Tiefkühler genommen und auf das Grillfeuer gelegt. Das hat seinen Grund. Morgen beabsichtigen wir über die Grenze nach Chile zu fahren. Die Zöllner sind diesbezüglich sehr streng. Kein Fleisch, Fisch, Gemüse, Früchte, Käse oder Eier dürfen nach Chile eingeführt werden. Da gibt es nichts anderes, als alles vorher aufzuessen. Der Rest wird versteckt in der Hoffnung, dass bei einer Kontrolle nichts gefunden wird. Wird dennoch etwas entdeckt, das nicht deklariert wurde, zieht dies eine saftige Busse nach sich. Wir hoffen das Beste.
Am nächsten Morgen besuchen wir auf einer Wanderung die Magellanpinguine. Über eine Stunde betrachten wir die drolligen Frackträger. Die 4 kg schweren Pinguine können bis zu 15 Jahre alt werden. Mit Betonung auf können……denn vor der Kolonie sind schon dutzende, halbverweste, teilweise nur noch als Skelett erkennbare Tierchen anzutreffen. Wie uns die Rancherin gestern mitteilte, ist das Lieblingsmenü der in dieser Gegend oft anzutreffenden Pumas nicht etwa das Guanako sondern der Pinguin. Es ist ein richtiges Schlachtfeld was sich uns neben dem eingezäunten Weg offenbart. Für die Pumas sind die an Land tollpatschigen Pinguine eine leichte Beute. Es ist brutal dies anzusehen, doch es ist das Gesetz der Natur. Fressen und gefressen werden.
Ungeachtet allen Wiedrigkeiten, die Magellan Pinguin Kolonie erholt sich trotz tierischen Räubern, Überfischung und sonstigen Gefahren immer mehr und am langen Strand ist ein ständiges Gewusel von Pinguinen, die ihre hungrigen Sprösslinge versorgen müssen. In der Zwischenzeit haben die Jungen etwa die gleiche Grösse wie ihre Eltern. Nur das braune, noch nicht wasserdichte Federkleid verrät den Unterschied zu ihren schwarz-weissen Eltern. In einem Monat ist es dann soweit und sie dürfen die ersten Schwimmversuche machen bevor sie im März zusammen mit Mama und Papa definitiv in den unendlichen Ozean hinausschwimmen.
Heute gehts über die Grenze
Wir befinden uns in Rio Gallegos, der letzten Stadt, bevor wir nach Chile, nach Tierra del Fuego übersetzen. Was wir da, am Ende der Welt so erleben, dann im nächsten Bericht. Übrigens, wollt ihr all unsere Übernachtungsplätze sehe, dann klickt „hier“ drauf
Somit wünschen wir euch allen ein paar schöne Wintertage und grüssen aus dem fernen Patagonien.
Eure Reisenomaden
Ruth und Walter
Wir haben Euren letzten Reisebericht soeben mit Freude gelesen (endlich dank Internetzugang in Buenos Aires). Kurzweilig, interessant zu lesen, super gut gemacht und geschrieben, nicht nicht zu zu lang, nicht zu kurz, gute schöne Fotos, auch von Euren Übernachtungsplätzen *.
Ihr habt uns einen wunderschönen Einblick in Eure Reise gewährt. Danke vielmals dafür!
*) Ein direkter Link zu Google Earth bei den GPS Koordinaten wäre nicht schlecht 🙂
Hallo Jon und Regula
Vielen Dank für die Komplimente. Das mit dem Link werde ich mir noch überlegen und eventuell einflechten.
Auf jeden Fall wünschen wir euch noch eine schöne, interessante restliche Reise in Südamerika und bis später in der Schweiz.
Hallo ihr Zwei Nomaden. Danke für den ausführlichen Bericht. Ganz interessiert haben wir von euren Abenteuern gelesen und festgestellt, dass es euch gut geht und ihr glücklich seid. 👍👍👍. Wir freuen uns mit euch. Geniesst es weiterhin. Hier auf Teneriffa haben wir schönes Wetter und geniessen es auch noch bis zum 9.2.Zu Hause , unsere Kinder jammern über den fehlenden Schnee. Vielleicht kommt er dann wenn wir zu Hause sind . 🏠Wir wünschen euch eine gute Zeit in Chile mit vielen interessanten Entdeckungen. Mit lieben Grüssen Ruth&Hermi 😎☀️🤗
Hallo ihr zwei Nidwaldner
Teneriffa ist wirklich immer wieder eine Reise wert und es ist natürlich schön zu hören, dass es euch gut geht. Geniesst es und bis später.
Liebe Grüsse von den Südamerika Vagabunden
Hallo ihr zwei Weltenbummler! Es ist immer schön von Euch zuhörern .Spannend, interessante Berichte und 1000 Erinnerungen an unsere Zeit.Danke euch sehr. Allzeit gute Fahrt wünsche euch von Herzen Maja & Hans
Vielen Dank ihr Lieben für die schönen Worte. Es ist ein Privileg so reisen zu dürfen.
Liebe Grüsse aus Ushuaia